Die ewige Dunkelheit


Erstes Kapitel
Es begab sich aber am 15. Tage im Monat des Firun, dass es sich drei Bewohner des Gueldenlandes zur Aufgabe gemacht hatten, in die Katakomben unter Gareth hinabzusteigen, um das schreckliche Wesen, welches sich dort eingenistet hatte, zu bekämpfen. Einer der dreien war ich, die ich noch immer mit Schrecken auf die Ereignisse zurückblicke, die uns dort ereilten, um davon zu berichten. Es war beschlossen worden, dass wir uns im Schutze der Nacht aufmachten, um uns in den düsteren Gängen unter der Hauptstadt des Gueldenlandes zusammenzufinden. So machte ich mich mit den letzten schwachen Strahlen der Sonne auf den Weg. Obgleich ich mich schon des öfteren in das dunkle Höhlensystem vorgewagt hatte, werde ich mich wohl nie an die Atmosphäre dort unten gewöhnen können. Mit gezücktem Schwerte, schlich ich mich vorsichtig voran. Die blau schimmernde Kugel in meiner Linken schien mehr Schatten als Licht zu verbreiten. Meine Schritte verursachten ein schmatzendes Geräusch im Schlamm, jedes Mal wenn ich einen Fuß anhob. An einem Engpass nun entdeckte ich einen Elfen, der totenbleich vor jenem stand und ihn zu bewachen schien. Ich löschte mein Licht und drückte mich an die Felswand zu meiner Linken, um an dem Wächter vorbeizukommen, darauf bedacht nicht bemerkt zu werden.

Mit klopfendem Herzen schlich ich näher heran - und schließlich vorbei. Bereits einige duzend Schritte weiter konnte ich den Schimmer eines blauen Lichtes ausmachen, der darauf hinwies, dass ich mein Ziel bald erreicht hätte. Und ich hatte mich nicht getäuscht: Im Zwielicht einer etwa faustgroßen Lichtkugel erkannte ich einen Elfen, Lox, der mich bereits erwartete. Schon nach einer kurzen Begrüßung waren weitere Laute zu vernehmen. Es schien sich dabei um Schritte zu handeln, die von den Wänden gebrochen und verzerrt widerhallten. Kurz darauf kam ein Thorwaler, entschlossen wie eh und je, durch den Matsch auf uns zumarschiert. Als nun auch Shmendric, so des Thorwalers Name, zu uns gestoßen war, sollte es nicht mehr lange dauern, bis wir das Monstrum stellen würden. Wir waren gerade dabei Pläne zu schmieden, wie wir am sinnvollsten vorgehen würden, als ich plötzlich zusammenzuckte.

Ich hatte eine dunkle Stimme vernommen und sah mich erschrocken um. Meine beiden Gefährten schienen ebenfalls auf sie aufmerksam geworden zu sein und beobachteten die Umgebung. Im Halbdunkel des Ganges jedoch war nichts auszumachen, außer den Schatten, die unsere Leiber an die Höhlenwände warfen. Auch lauschten wir aufmerksam. Doch nur ein monotones Tropfen von Wasser und unser eigener Atem war wahrzunehmen. Zuerst meinten wir einer Sinnestäuschung erlegen zu sein, doch als gleich darauf die mysteriöse Stimme wieder erklang, war es unumstößlich: Jemand war hier. Nervös sahen wir uns an. Wir fragten uns mit verhaltener Stimme, was dies zu bedeuten habe. Die Worte, die wir wahrgenommen hatten, sprachen von Sünden und vom Tod - unserem Tod! Mein Herz schien für eine Sekunde auszusetzen, als ich von etwas an der Schulter berührt wurde. Mein Atem beschleunigte und auch meinen beiden Begleitern schien es nicht besser zu ergehen.

Noch immer rätselten wir, wer oder was sich hinter der Stimme verbergen könnte. Schließlich begannen wir zu rufen und schreien, sie solle sich zu erkennen geben, doch ohne Erfolg. Wohl durch unser Rufen aufmerksam geworden, ritt der König selbst auf seinem weißen Ross heran. Lox warnte ihn sogleich, dass er in Deckung gehe  da hier üble Dinge vor sich gingen. Panik machte sich unter uns breit, als selbst Arty uns nicht erklären konnte, welche Mächte hier am Werke waren. Und als ob das nicht genug sei, quoll plötzlich dicker Dunst aus dem Boden hervor, der uns die Sicht verschleierte. Mich fröstelte. Die Schatten um uns herum schienen gierig nach uns zu greifen. Jede einzelne Faser unserer Körper schienen zum zerreißen gespannt und mir stockte der Atem als etwas mein Gesicht streifte. Ich umklammerte den Griff meines Schwertes so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten, mein Atem raste und ich konnte das Blut in meinen Ohren rauschen hören. Dann drang dieser Geruch an unsere Nasen. Sicher, dort unten war es schon immer recht muffig, aber es mischte sich plötzlich solch ein atemberaubender, fauliger Gestank darunter. Es roch modrig, verdorben, wie der Verwesungsgestank in einem alten Grab.

Keiner von uns konnte sich so etwas erklären, hatte es geschweige denn schon einmal erlebt. In mir brodelte es regelrecht, und meinte Kehle schien wie abgeschnürt. Weitere Sekunden vergingen die sich durch meine bis zum Zerreißen gespannten Nerven zu endlosen Stunden der Ungewissheit hinzogen. Meine rasenden Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ein schlurfendes Geräusch aus den Tiefen der Katakomben zu uns drang. Doch die Laute brachen nicht wieder ab, sondern schienen, im Gegenteil, immer lauter zu werden. Irgendjemand - irgendetwas - näherte sich uns. Doch im selben Moment machte sich das unheimliche Raunen wieder bemerkbar. Es wisperte vom ewigen Schlaf und vom Nicht-mehr-sein. Mit zitternder Stimme fragten wir uns, woher das Raunen wohl kommen möge, als sich ein dunkler, wabernder Schleier lautlos über unsere Augen legte. Verzweifelt versuchte ich das, was meine Augen zu bedecken schien wegzublinzeln, wischte mir mit dem Handrücken ein paar mal darüber, jedoch blieben meine Versuche unbelohnt. Ich müsste feststellen, dass es meinen Begleitern nicht besser vergangen war und auch sie ohne ihr Augenlicht neben mir standen. Eiskalte Luft umgab uns und ließ mich zittern. Mein Herz raste und drohte zu zerspringen.

Doch das Grauen schein kein Ende nehmen zu wollen. Die Stimme wendete sich an Lox und meinte, dass er nicht würdig sei zu sterben. Kurz darauf war ein unmenschliches gequältes stöhnen zu hören, das nur noch entfernt an Lox’ Stimme erinnerte. Er meinte, dass sein Kopf fehlte, was ich in diesem Moment nur für einen grausamen Scherz seiner überreizten Sinne hielt, was in dieser Situation wohl nicht gerade abwegig war. Wir versuchten die Stimme herauszufordern, zu reizen, er oder es solle sich endlich zeigen um uns zu einem Kampf herauszufordern. So könnten wir wenigstens in einem Zweikampf den Tod finden und nicht auf so unehrenhafte Weise. Doch die einzige Reaktion war ein kaltes Lachen, dass mich aufs neue erschaudern ließ. Dann begann ich am ganzen Leib zu Zittern. Irgend etwas geschah. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Das Zittern wurde stärker und ein dumpfer, dröhnender Schmerz hüllte mich ein.

Jeder einzelne Faser meines Körpers schien zu brennen, doch ich konnte nichts tun. Dann auf ein Mal, als ich schon dachte, ich würde den Schmerz nicht mehr ertragen und einfach sterben, war es vorbei. Nichts. Ich fühlte nichts mehr. Ich horchte in mich hinein. Doch da gab es nichts mehr. Ich fühlte nicht mehr meinen hämmernden Puls, nicht mehr die Luft, wie sie in meine Lungen gesogen wurde, nicht das sichere Gefühl meines Schwertes in der Hand, nein, nicht einmal die Hand selbst. Dazu kam, dass ich völlig die Orientierung verloren hatte. Ich wusste zwar, dass es irgendwo ein Oben und ein Unten geben musste, doch eine Definition wie oben, unten, links oder rechts schien ihre Gültigkeit verloren zu haben. Ebenso verhielt es sich mit meinem Zeitgefühl. Ich konnte nicht sagen, wie lange es gedauert hatte. Es konnte Bruchteile von Sekunden her sein. Doch genauso gut hätte es Stunden oder sogar Tage dauern können. Ich vermochte es nicht zu sagen. Dann riss mich die Stimme wieder zurück in die Wirklichkeit - War sie es denn, die Wirklichkeit? - zurück. Sie hieß mich willkommen. Dann hörte ich Shmendric.

Er forderte noch immer die Stimme heraus, sich zu zeigen um sich ihm im Zweikampf zu stellen. Ich versuchte auf Lox’ Frage, ob es mir gut gehe zu antworten, doch ich konnte meinen Mund nicht öffnen, keine Luft aus den Lungen lassen, mein Zunge nicht bewegen. Doch anscheinend reichte allein der Gedanke an eine Antwort aus, seltsam verzerrte Laute hervorzurufen, die meine Worte formten. Die Stimme fragte nun Shmendric, ob er bereit sei, seine Seele zu opfern. Noch einmal ersuchten wir aufzubegehren, doch nachdem wir erneut dieses kalte Lachen aus dem Dunkel der Höhle vernahmen wussten wir, dass auch Shmendric der seltsamen Verwandlung zum Opfer gefallen war. Mir wurden wieder die schlurfenden Schritte bewusst, welche sich noch immer unserem Standort näherten und an Lautstärke gewannen. Allerdings begann sich ab diesem Zeitpunkt Resignation breit zu machen. Wir wurden uns bewusst, wie hilflos ausgeliefert wir den Mächten waren, imstande solche Dinge zu tun. Und so baten wir darum wenigstens unser Augenlicht wiederzubekommen. Die Hoffnung, dass solch eine Bitte erhört werden würde stand praktisch gleich Null, doch zu unser aller Erstaunen, wurde uns dieser Wunsch erfüllt. Langsam lichtete sich das schwarze Tuch, welches sich über unsere Augen gelegt zu haben schien.

Es verlor nach und nach an Substanz und ich konnte wieder etwas erkennen. Anfangs waren dies nur undeutliche Schemen irgendwelcher verschwommener, undefinierbarer Licht- und Schattenflächen, die jedoch immer schärfer und deutlicher wurden, bis sie schließlich wieder das Bild einer unterirdischen Höhle zeigten. Doch etwas hatte sich geändert. Lox und Shmendric, sie waren verschwunden. Doch ich konnte ihre verzerrte Stimme noch wahrnehmen. Dann entdeckte ich einen undeutlichen Schemen. Es war eine körpergroße Transparente Fläche, die das Licht etwas zu brechen schien. Dann erkannte ich die Umrisse. Es war ein Geist! Doch nicht irgendein Geist. Der Schemen glich bis aufs Haar dem Lox’. Wieder erschallte die unheimliche Stimme und meinte, dass unser Augenlicht die Schmerzen und Qualen, die wir erleiden sollten, nur noch erhöhen würden. Dann wies uns König Arty, der übrigens nicht von der dunklen Macht aus seinem Körper geschält worden war, auf etwas am Boden liegenden hin. Bei näherer Betrachtung stellten wir erschüttert fest, dass es sich hierbei um einen Schädel handelte. Dieser war noch frisch denn er wies eine leicht rötlich, glänzende Färbung und auf dem Hinterkopf ein eingeritztes ‚L’ auf. Wir mussten annehmen, dass dies der Schädel Lox’ war. Und nun verstand ich auch seine Worte, als er meinte, sein Kopf fehle.

Shmendric aber glaubte nicht daran und dachte weiter darüber nach, ob es nicht eine andere Alternative zu dieser schrecklichen Schlussfolgerung geben möge. Doch bevor er sich eine weitere Möglichkeit erdenken konnte, hatte sich die Stimme bereits ein weiteres Grauen für uns ersonnen. Sie verfluchte uns! Sie hatte uns gezeichnet, um unsere Seelen zu erlangen. Jedoch sollten wir nichts von all dem bemerken - vorerst. Wir richteten noch einige weitere Fragen an die Stimme, die allerdings, wie die vielen Male zuvor, unbeantwortet blieben. Wenig später begann die Welt um mich herum zu verschwimmen. Farben und Formen vermengten sich zu einer bizarren, sich unstet bewegenden Masse, die sich immer zäher und dunkler werdend zu einem Bollwerk aus Schwärze zusammenballte, bis es letztendlich zum Stillstand kam.

Dann öffnete ich die Augen. Mit einem leisen Kribbeln erlangte ich Gefühl und Kontrolle übermeine Gliedmaßen wieder. Es war ein unbeschreibliches Gefühl wieder das langsame Schlagen meines Herzens, das Leben durch meine Körper pumpte zu spüren. Irgendwie wusste ich einfach, dass keine Gefahr mehr hier war. Ich wusste nicht woher ich die Sicherheit nahm, dass die Stimme nun nicht mehr da war, aber das spielte zu diesem Zeitpunkt auch keine Rolle. Shmendric wollte sich den Schädel näher besehen. Doch als er ihn zwischen seine Hände nahm, und ihn anhob, züngelten plötzlich rotgelbe Flammen aus dem zähflüssigen Blut, das den Schädel bedeckte, und umhüllten binnen Sekunden des Thorwalers Hände. Mit einem spitzen Aufschrei, ließ er wieder ab von dem knisternden Schädel, der mit einem dumpfen Platsch wieder zurück in den Schlamm fiel. Als Lox aber vorsichtig versuchte, den geheimnisvollen Totenschädel an sich zu nehmen, so geschah ihm nichts. Keine Flammen, kein Schmerz. Wir grübelten noch eine geraume Weile über diesem Phänomen, ohne jedoch zu einem klaren Ergebnis, geschweige denn einer sinnvollen Lösung zu gelangen. Und so beschlossen wir schlussendlich uns den Rest der angebrochenen Nacht hinzulegen, um uns auszuruhen, da wir ja nicht wissen konnten, was uns die nächsten Tage bevorstehen würde. Doch an Schlaf war in dieser Nacht nicht einmal zu denken...

-*-*- Zweites Kapitel -*-*-
-*-*- zurueck -*-*-